„Nokotta Nokotta“ – Sumo-Turnier in Nagoya und wir mittendrin

„Sold out“! Auf jeder x-beliebigen Internetseite steht dasselbe geschrieben. Das Juli-Turnier in Nagoya ist restlos ausverkauft und das bereits im April. Noch in Malaysia ärgere ich mich darüber… Schade, nur zu gerne hätte ich eines dieser in Japan derart populären und traditionsreichen Sumoturniere besucht. Na gut, dann eben nicht! Oder etwa doch? Wir sind bereits in Japan als wir den Tipp erhalten am Turniertag frühmorgens für eines der wenigen Tagestickets direkt vor dem Stadion anzustehen. Wir überlegen hin und her. Sollen wir extra nach Nagoya fahren, mit dem Risiko kein Ticket zu bekommen? Was wenn es nicht klappt? Auf der anderen Seite sind wir im Besitz des Japan-Railpasses, wir können fahren wohin wir wollen! Ok, ein Bierchen später ist die Entscheidung gefällt. Lass es uns doch einfach versuchen!

Erst noch an der fünften Station des Fujisan gestanden, liegen wir völlig erschöpft bereits in unserer Unterkunft in Nagoya, rund 300 Km weiter westlich. Ein Hoch auf das unglaubliche Zugsystem in Japan und ein Hoch auf den Shinkansen. Lange Strecken sind im Nu zurückgelegt. Im Sekundentakt fahren die Züge in den Bahnhöfen ein um Reisende in ganz Japan zu verteilen. Eine kurzlebige, schnelle Welt…noch etwas an was wir uns nach den bisherigen bereisten Ländern gewöhnen müssen.

Der Wecker klingelt bereits früh morgens. Die Beine sind schwer wie Blei und schmerzen: Hallo Muskelkater! Gestern um diese Zeit befanden wir uns noch auf dem Gipfel des Fujisan, heute bereits heisst es wieder frühmorgens aus dem Bett. Ja, geschenkt wird einem hier nichts. Die U-Bahn bringt uns auf direktem Weg zur entsprechenden Station. Von dort aus marschieren wir durch den anliegenden Park, alles immer ein wenig unter Zeitdruck. „Meinst du das klappt heute?“, frage ich Dominique nervös. „Nö“, meint dieser leicht pessimistisch. „Wahrscheinlich hätten wir noch früher aufstehen müssen.“ Zwar beginnt der Ticketverkauf erst um 7:45 Uhr, trotzdem „dr schneller isch dr gschwinder!“. Als wir um die Ecke zum Aichi Prefectural Gymnasium biegen, schwant uns Böses. Eine ziemlich lange Schlange wartender Sumofans steht bereits vor dem Eingang. Einige top ausgerüstet, mit Campingstuhl, Zeitung zum Zeitvertreib und mitgebrachtem Frühstück. Es ähnelt schon fast der Situation vor einem Popkonzert. In meinem Kopf versuche ich grob abzuzählen. Reicht es oder reicht es nicht? Lediglich 200 Tagestickets werden an den jeweiligen Turniertagen verkauft.

Anstehen vor dem Stadion

Eine Dame mit Flugblättern kommt auf uns zu, streckt uns zwei kleine Zettelchen mit den Nummern 161 und 162 darauf entgegen. „Today you’re lucky! Ihr könnt heute dem Sumoturnier beiwohnen, herzlichen Glückwunsch!“, meint sie strahlend. Wuuuhuuu! Es hat tatsächlich geklappt!! Yesss!

Yes, wir haben Tickets fürs Turnier!!

„Denkt daran, ihr dürft das Stadion nur einmal verlassen, resp, nur einmalig nochmals eintreten“. Ok haben wir verstanden. „Wollen wir erst etwas frühstücken und später zurückkehren oder bereits mal einen Blick ins Stadion werfen und uns Plätze reservieren?“, frage ich Dominique. Anders als bei den anderen Ticketkategorien handelt es sich bei unseren Plätzen nämlich um nicht nummerierte Plätze in den zwei letzten Reihen des Stadions. „Komm wir gehen mal rein, wir können anschliessend immer noch rausgehen!“ Kurzentschlossen betreten wir das Stadion. Der nette Ticketkontrolleur drückt uns eine englische Versions des Programms in die Hand und zeigt auf die nebenanliegende Treppe. Da müssen wir wohl hoch. Auch hier ähnelt alles stark einem Popkonzert oder Fussballspiel. Überall gibt es kleine Stände mit Fanartikeln und Souvenirs mit allem was das Sumoherz begehert. Auch Essensstände findet man an jeder Ecke, nur die Auswahl ist natürlich eine etwas andere. Statt einer Bratwurst gibt es getrockneten Fisch, anstelle eines Hotdogs, Reiscakes und Sushi oder die allseits beliebten Bentoboxen. Zusätzlich wird Chankonabe angeboten, das herzhafte, kalorienreiche Essen der Sumoringer.

Wir gehen weiter und betreten die Arena. Wow! Definitiv grösser als erwartet ist die Halle in welcher einige tausend Zuschauer Platz finden. Viele Leute hat es noch nicht, denn das Turnier beginnt erst um 10:30 Uhr und auch dann sind erst die unteren Ligen an der Reihe. Die meisten Sumofans trudeln erst gegen 15 Uhr ein, dann nämlich wenn die Besten der Besten gegeneinander kämpfen.

Sumo-Arena

In der Mitte des Stadions findet sich der Sumo-Ring, Ort des heutigen Geschehens. Das erhöhte Podest, auch Doyho genannt, ist mit einer dünnen Sandschicht bedeckt. Ein Kreis aus eingegrabenen Reissäcken mit einem exakten 4.55 Meter Durchmesser begrenzt die Kampfzone. Über dem Doyho schwebt ein an Seilen aufgehängter Shinto-Schrein. An dessen vier Ecken hängen riesige Quasten, welche die vier Jahreszeiten darstellen.

„Hast du irgend eine Ahnung wo hier vorne ist?“, fragt mich Dominique während wir etwas planlos durchs Stadion laufen. „Hmmm…keine Ahnung.“ Wir sehen uns um, spazieren einmal um die ganz Halle, bis wir schliesslich die Reporter- und Kameraplätze finden. In der Annahme, dass es sich hier mit grösster Wahrscheinlichkeit um die Frontseite handelt, suchen wir uns zwei Plätze und setzen uns erstmal hin. „Cool hä?!“, etwas erschöpft von der ganzen Aufregung sitze ich da und freue mich auf den Tag.

Ok, drinnen sind wir, Plätze haben wir, und jetzt? „Komm, wir schauen uns hier mal etwas um“, meint Dominique schliesslich. Wir nehmen unsere Wertsachen aus dem Rucksack, breiten Broschüren und alles Vorhandene aus und legen diese über unsere beiden Stühle. Sitzplatzereservation auf japanisch. Haben wir uns von unseren Nachbarn so abgeguckt. Hier nämlich gilt, liegt irgendetwas auf dem Stuhl ist dieser besetzt. Und die Japaner, so höflich wie sie sind, halten sich auch ohne wenn und aber daran. Respekt!

Sitzplatzreservierung à la Japan

10:30 Uhr, das Turnier beginnt! Sechs eher jüngere noch etwas zierliche Ringer, auch Rikishi genannt, betreten die Arena und setzen sich auf bereitgelegte Sitzkissen neben dem Doyho. Der Yobidashi, ein in alltertümlicher japanischer Arbeitskleidung gekleideter junger Mann betritt den Ring. Während er einen Papierfächer in beide Richtungen hält, ruft er laut singend die beiden Kämpfer in den Ring. Erstes Gänsehautfeeling! Die beiden aufgerufenen Kämpfer betreten den Ring, heben die Arme und Stampfen fest mit den Füssen auf den Boden. Dieses Ritual dient dazu die bösen Geister aus dem Ring zu vertreiben. Anschliessend heben die Rikishi beide Hände um dem Gegner sowie dem Publikum zu zeigen, dass sie keine Waffen tragen. Der eigentliche Kampf beginnt, sobald beide Gegner mit dem Fäusten auf dem Boden gestützt im Ring gegenüber hauern und sich scharf beobachten. Die eine Faust am Boden, schauen sich beide Sumoringer tief in die Augen, die zweite Faust berührt den Boden und Klatsch! Die beiden Schwergewichte klatschen wortwörtlich aneinander. Das Geräusch der aneinander klatschenden Ringer geht durch Mark und Bein! Ziel beim Sumoringen ist es den anderen aus dem inneren Kreis zu drängen oder ihn im Doyho zu Fall zu bringen. Wobei der Gegner dazu nicht vollständig fallen muss. Es reicht, wenn der Gegner den Boden mit irgend einem Körperteil, mit Ausnahme der Füsse, berührt.

Erste Kämpfe

Beeindruckt verfolgen wir die Kämpfe. Habe ich diese Sportart früher immer etwas belächelt, bin ich nun total fasziniert. Auch wenn ich nach wie vor finde, dass der Mawashi (Gürtel den die Ringer tragen) wenig furchteinflössend, für unser dafürhalten viel eher ulkig wirken. Ist bei uns Schwingern aber ja auch nicht anders..sorry! 😉 Tradition spielt hier aber eine derart grosse Rolle, dass es mir teilweise kalt den Rücken runter läuft. Neben den Sumoringern selbst, fasziniert mich vorallem der Ringrichter, auch Gyoji genannt. Zweifelsohne handelt es sich bei ihm um die am farbenprächtigste gekleidete Person während des ganzen Turniers. Die Gyoji tragen Kimonos im Stile der Samurai aus der Kamakura-Periode. Wie auch die Kämpfer selbst, gehören auch die Ringrichter verschiedenen Klassen an, welche man an der Farbe der Quaste ihrer Fächer erkennen kann. Ausserdem ist es den ranghöheren vorbehalten Socken zu tragen, während die rangniedrigeren barfuss auf dem Doyho stehen. Neben des Richtens, ruft der Gyoji immer wieder „Nokotta Nokotta“ in den Ring um so die Rikishi während eines Kampfes lautstark anzufeuern.

Die Kämpfe gehen meist nur über wenige Sekunden, können durchaus aber auch länger dauern. Sanft geht es aber definitiv nicht zur Sache. Teilweise fallen die Kolosse mit Salto vom Doyho. Ich zucke nicht nur einmal zusammen und bin erstaunt über die Grobheit während des Kampfes. Ist der Kampf entschieden, verbeugen sich die beiden Kämpfer ohne ihre Freude oder Enttäuschung über den Kampf zu zeigen. Alle verlassen anschliessend den Ring, bevor der Yobidashi erneut die Bühne betritt und die nächsten Rikishi in den Ring ruft.

Yobidashi (im Hintergrund der Gyoji)

Wir geniessen während Stunden einen Logenplatz, denn solange die Plätze unten in den besten Rängen noch nicht besetzt sind, darf sich jeder hinsetzen wo er will.

Logenplatz

Stunden vergehen, immernoch sitzen wir in den vorderen Reihen unmittelbar vor dem Doyho, wo wir das Geschehen gespannt verfolgen. Habe ich zu Beginn noch gedacht, es könnte allenfalls etwas langweilig werden, weiss ich nun: keineswegs! Fast den ganzen Tag verbringen wir in der Halle, nur kurz zieht es uns raus an die frische Luft. Zu lange dürfen wir aber nicht draussen bleiben, denn schon bald beginnen die Kämpfe der Grossen.

Das Stadion füllt sich. Menschen von klein bis gross, alt und jung strömen ins Stadion. Wir nehmen unsere reservierten Plätze ein und sind gespannt auf das eigentliche Highlight des Turniers. Anders als noch bei den unteren Ligen, ist der Einmarsch der Grossen unter den Rikishi bereits ein riesen Highlight. Doyho-iri wird diese spezielle Zeremonie genannt. Dabei schreiten die Rikishi mit einer prachtvoll bunten Zierschürze in das Doyho. Sie bilden einen Kreis und schauen gegen innen, drehen sich um, klatschen in die Hände, heben den rechten Arm und ihre Schürze, bevor sie zuletzt beide Hände erheben.

Einmarsch der Besten

Das grösste Highlight jedoch ist wenn die Besten der Besten, auch Yokozunas genannt, den Ring betreten. Jeder der Yokozunas betritt alleine mit dem höchstrangigen Kampfrichter und zwei Helfern den Ring, wo er schliesslich ein eigens für ihn bestimmtes Ritual, welches nur den Yokozunas vorbehalten ist, vorführt. Erneutes Gänsehautfeeling! Die sonst so ruhigen, zurückhaltenden Japaner rasten förmlich aus, als der Yokozuna im Ring Kampfschreie von sich gibt und in äusserst aggressiver Art mit den Beinen auf den Boden stampft!

Ritual der Yokozunas

Aber auch das Vorbereitungsprozedere vor einem Kampf, auch Shikiri genannt, dauert bei den Yokozunas um einiges länger als noch bei den niedrigeren Rängen. Die Yokozunas nämlich folgen einem strengen Reinigungsritual. Der Vorkampfgewinner reicht dem Kämpfer Wasser, welches diese zum Mundausspülen benutzen. Mit einem weissen Tuch wischen sie sich den Schweiss von der Stirn und werfen Salz in den Ring, was ebenfalls der Reinigung dient. Das Shikiri, das meist auch der Beobachtung und Einschätzung oder gar Einschüchterung des Gegners dient, kann bei den Yokozunas bis zu vier Minuten dauern. Ein Psychospiel sondergleichen.

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Shikiri

Die beiden besten (Hakuho und Kaio) stehen im Ring. Die Menge tobt. Bereits 12 Mal während dieses Turniers hat Yokozuna Hakuho gewonnen, der beste Sumoringer aktuell. Der Kampf beginnt, beide schauen sich in die Augen, die Fäuste am Boden. Die Menge wird ruhig. Stille herrscht im Stadion. Sobald der Gyoji den Fächer hebt und beide Fäuste am Boden sind, beginnt der Kampf. Die Schwergewichte klatschen aneinander. Der Kampf scheint ziemlich ausgeglichen zu sein. Während im Ring gekämpft wird, feuert der Gyoji die beiden Grossmeister lautstark an. Es scheint so, als sei Hakuho in Bedrängnis, als er sich immer näher an den Ringkreis zubewegt. Doch dann eine schnelle Bewegung und zack, Kaio fällt! Einmal mehr hat Hakuho seine Wunderwaffe, seine spezielle Wurftechnik ausgepackt und den Gegner zu Fall gebracht. Die Leute im Stadion sind ausser sich. Einige klatschen und freuen sich, andere werfen mit Sitzkissen in Richtung Doyho. Ob sie damit Freude oder Frust ausdrücken ist uns nach wie vor ein Rätsel. Überhaupt haben wir die Japaner noch nie so ausser sich erlebt.

Sieger Hakuho während des traditionellen Bogentanzes, welcher der Sieger zum Schluss jeweils vorführt

Wie wir später erfahren, gewinnt Hakuho gar das Nagoya Turnier und stellt damit einen neuen Rekord auf. Er gehört damit zu den erfolgreichsten Grossmeistern aller Zeiten. Und ein solcher wird in Japan auch gefeiert wie ein Popstar. Während wir nämlich die Halle verlassen, kommen wir plötzlich an einer grossen Menschentraube vorbei. Wir werden neugierig, halten an, sehen wie die Polizei die Menschen zurückhält während Hakuho mit einer Patrouille unter Blitzlichtgewitter vom Stadion gefahren wird. Wahnsinn, welch grossen Stellenwert Sumo in Japan nach wie vor hat!

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