Von Ganzi nach Litang – unterwegs am Rande des tibetischen Hochplateaus

Schweren Herzens verlassen wir das kleine beschauliche Städtchen Tagong und machen uns weiter auf den Weg in den Norden über die Sichuan-Tibet-Fernstrasse. Die Fahrt zu unserem nächsten Ziel Ganzi (Garzê) ist einmal mehr atemberaubend und führt durch wunderschöne Hochlandgrasssteppen und traditionelle tibetische Gemeinden. Sowohl die südliche als auch die nördliche Tibet-Fernstrasse sind mittlerweile bis auf einige Stellen ziemlich gut ausgebaut, sodass die Fahrt erstaunlich komfortabel verläuft.

Wir befinden uns nach wie vor in der tibetischen Region Kham in der Provinz Sichuan. . Grundsätzlich können Ausländer diese Gegend im Gegensatz zu Tibet ohne grössere Probleme bereisen, dennoch kann es vorkommen, dass Ausländer vorübergehend nicht mehr geduldet werden und die Gegend verlassen müssen. Zeitweise, vorallem jeweils im Frühling während es oft zu Protesten und Ausseinandersetzungen zwischen Tibetern und Chinesen kommt ist dieses Gebiet für Touristen meist tabu. Wir spüren relativ schnell, dass wir uns hier in einer gespaltenen Gegend befinden und die Polizeipräsenz entsprechend hoch ist. So kommen auch wir hier das erste Mal indirekt mit der Polizei in Berührung.

Die Hotelsuche erweist sich einmal mehr schwieriger als gedacht – geschlagene zwei Stunden verbringen wir mit der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz, werden schlussendlich aber doch noch fündig und mieten uns im Everest Hotel ein. In ganz China ist es nur linzenzierten Hotels erlaubt ausländische Touristen aufzunehmen. Da es in dieser Region jedodoch kaum derartige Hotels gibt, landen auch wir in einem ohne Lizenz. Englisch wird hier kaum gesprochen, dennoch werden wir freundlich aufgenommen.  Wir vereinbaren einen Preis und erhalten sogleich den Zimmerschlüssel – es wird weder nach Pass noch nach Personalien gefragt. Und so kommt es wie es kommen muss…

Als wir abends gemütlich im Zimmer liegen, klopft der Hotelbesitzer gegen 22:30 Uhr energisch an die Türe, stellt die Musik aus und bittet uns ruhig zu sein. Mit Handzeichen versucht er die Situation zu erklären. Wir glauben zu verstehen, dass die Polizei unten steht und das Hotel kontrolliert. Eigentlich dürften wir gar nicht hier sein und müssen daher ruhig im Zimmer bleiben – ohne Licht, ohne Schlüssel. Wir kommen uns vor wie Schwerverbrecher, wissen jedoch, dass falls die Polizei uns entdeckt nicht uns das grosse Unheil droht,  sondern unserem freundlichen tibetischen Hotelbesitzer. Wir spielen daher mit und sind froh als die Türe nach einer gefühlten Ewigkeit aufgeschlossen wird und der Besitzer uns Entwarnung gibt. Die Erleichterung in seinem Gesicht ist unübersehbar.

Das Erlebte macht uns nachdenklich. Wir stossen während unseres gesamten Aufenthaltes auf unglaublich freundliche Menschen in einer wirklichen fantastischen Landschaft und uns wird einmal mehr bewusst wie schwierig die Situation für die hier lebenden Tibeter wohl sein mag..

Ganzi ist eine staubige wuselige Stadt. Sobald man jedoch durch die Gassen der Altstadt geht zeigt sich ein wahres Juwel. Wir spazieren durch die Stadt, streifen durch die engen Gassen und freuen uns über jedes Lächeln das uns von den Einheimischen mit einem freundlichen „Tashi Delek!“ entgegengebracht wird.

Nach zwei Tagen machen wir uns weiter auf den Weg weiter in den Süden nach Litang. Die meisten nehmen sich für diesen Abschnitt einen Minivan. Fahrer gibt es genügend, der Preis muss jedoch verhandelt werden. Wir entscheiden uns für den öffentlichen Bus und machen uns aufgrund der angeblich schlechten Strassenverhältnisse auf das Schlimmste gefasst. Total unbegründet wie sich später herausstellt, die Fahrt ist angehnehm und führt durch stündlich wechselnde Landschaften.

Während der Fahrt steigen immer wieder Menschen aus kleinen Dörfern ein und aus. Häufig sprechen diese kein chinesich, sodass die Diskussionen mit dem chinesischen Chauffeur übersetzt werden müssen – ein weiteres Problem dieser Gegend.

Spannend auch wie während jeder Fahrt mindestens ein „Waschstopp“ eingelegt wird. Der Bus wird meist kurz vor dem Ziel einmal gründlich gewaschen.

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Nach knapp sieben Stunden fahrt kommen wir in Litang (4060 M.ü.M.) an und treffen dort erneut auf Kasia und Victor. Die beiden sind seit bereits einem Jahr unterwegs. Die ersten drei Monate fuhren sie mit dem Fahrrad von Polen in die Türkei. Aufgrund des Wintereinbruchs entschieden sie sich die Reise ohne Fahrräder fortzusetzen und versuchen nun mittels Hitchhiking die Welt zu bereisen. Eine unglaublich spannende Reise: http://www.kasiavictor.com – check it out! 🙂

Mit Kasia, Victor, Linda und Martin (ein schwedisches Paar, dass wir ebenfalls in Litang kennenlernen) sowie zwei Holländern, die den ganzen Weg von Holland nach China mit dem Fahrrad unternommen haben, gönnen wir uns ein einfaches aber gutes Znacht in geselliger Runde mit spannenden Gesprächen.

Mit Kasia und Victor verabreden wir uns bereits wieder für den nächsten Tag. Wir möchten Motorräder mieten um die umliegende Steppenlandschaft auf eigene Faust zu erkunden. Es ist tatsächlich nach langer Zeit das erste Mal, dass wir wieder einen motorisierten fahrbaren Untersatz haben und dadurch frei entscheiden können wo und wann wir anhalten möchten – eine schöne Art zu reisen. Dominique geniesst es sichtlich wieder einmal auf einem Motorrad zu sitzen auch wenn es sich um ein Gefährt chinesischer Bauart handelt, was seine ganz eigenen Macken hat. 😉

Mit einem Spaziergang durch Litang schliessen wir unseren Besuch dieser uns sehr ans Herz gewachsenen Gegend ab.

Der Besuch des tibetischen Plateaus in Sichuan war eine unglaubliche Bereicherung und zähhlt definitiv zu einem unserer Highlights! Schade, lässt die Sprachbarriere nicht zu mehr über die Menschen dort zu erfahren. Als wir einmal jedoch die Möglichkeit hatten mit einem Einwohner von Litang englisch zu sprechen, fragte Victor diesen ob er Chinese oder Tibeter sei. Ohne zu zögern antwortete dieser uns: „Ich bin Tibeter!“. Einmal mehr zeigt uns dies, dass wir uns rein theoretisch zwar noch in China befanden, gefühlsmässig jedoch bereits Tibet bereisten.

Ein Gedanke zu “Von Ganzi nach Litang – unterwegs am Rande des tibetischen Hochplateaus

  1. Liebe Irene und Dominique
    Mit grosser Freude haben wir euren Bloc gelesen und die Fotos angeschaut . Die sind wunderschön.Es ist schön zu sehen und zu hören dass es euch gut geht. Ich habe schon einen Bundesordner voll mit euren Berichten.Mit grosser Begeisterung mache die Ordner.Wir wünschen euch nur das Beste auf eurer weiterreise und sind gespannt auf den nächsten Blog.Liebe Grüsse aus der Heimat Mama und köbi

    Gefällt mir

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